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Das stählerne Gerüst schien etwas zu schwanken, vielleicht vom Wind angestoßen, vielleicht waren auch
seine Schritte, sein Gewicht daran Schuld oder es kam ihm auch nur so vor, denn so hoch war er bisher
noch niemals hinauf auf einen der Rohbauten der Finanzmetropole geklettert.
Dass dies ungesetzlich und auch sehr gefährlich war, das schien ihm im Moment ziemlich egal und seiner
Umwelt anscheinend auch. Niemand hatte die Baustelle gesichert, noch liefen Wachen durch den riesigen,
leeren Glas-Beton-Klotz. „Unverantwortlich eigentlich!“, schoss es ihm durch den Kopf: „na ja, passt
ja auch zum Geschäftsgebaren der ehemaligen Bauherren!“, vollendete er seinen Gedanken. Seit geraumer
Zeit überschlugen sich ja die Meldungen, dass dieser Konzern und jene Aktiengesellschaft in zumindest
gefährliche finanzielle Schieflage geraten waren.
Schon vor Wochen ruhten hier die Arbeiten, niemand goss den Spezialbeton in die Zwischendecken oder
versuchte sich über die kilometerlangen Kabelschächte einen Überblick zu verschaffen, nur der Wind
fegte durch kahle Flure und ab und an pfiff er dann auch einmal durch die dunklen Treppenschluchten
und Gänge.
Ein Kniegelenk knackte etwas, als er niederkniete um sich anschließend auf dem metallenen T-Träger zu
setzen und seine Beine über dem Abgrund baumeln zu lassen.
Der eisig-kalte Wind versuchte stetig durch seine Kleidung zu dringen, das nächtliche Universum
erstrahlte am wolkenlosen Nachthimmel und Sterne glitzerten wie Diamanten auf dunkelstem, blauem
Samt.
Kurz verharrte sein Blick auf diesem wunderschönen Bild, er liebte diese Weite, diese unerforschte,
unbekannte Freiheit der Gedanken.
Unter seinen Füßen lagen die Straßen der Stadt. Vor etwa einer Stunde war er noch auf ihnen gewandelt,
bevor er diese grotesk hässliche Glas-Beton-Neubauruine entdeckt hatte und aus einer Laune heraus
beschloss, dieses größenwahnsinnige Phallussymbol zu erklimmen.
Nun senkte sich sein Kopf der Tiefe entgegen und …
Tippgeräusche verhallten im Raum und Dirk starrte auf den Monitor vor seinen Augen. Blinkend verharrte
der Cursor auf der einmal erreichten Position auf dem Bildschirm.
Seine Augen überflogen noch einmal den zuvor verfassten Text, doch das Problem schien nicht der
bisherige Text, sondern der kurz zuvor erlittene „Filmriss“ zu sein.
Seine Hände falteten sich zusammen und er stützte sein Kinn auf. Missmutige starrte Dirk den
Bildschirm an und ein Gefühl von Ärger schlich sich langsam heran.
„Filmriss“ nannte er die Momente, wenn da plötzlich nichts mehr war, nur undurchdringliche
Schwärze.
Vielleicht muss man hier nun etwas weiter ausholen, um diesen Umstand besser zu verdeutlichen.
Oft, eigentlich immer, nahm Dirk seine Umgebung hörend und sehend in sich auf, was nicht weiter
besonders erscheint! Nur, bei dieser Sammelaktion gingen einige Eindrücke und Fetzen der Gegenwart in
ihm ein und wurden gesondert gespeichert. Als würden seine Hemisphären eine zusätzliche Schublade
bereithalten, in der Kopien der Informationen oder von einzelnen Fragmenten zusätzlich abgelegt
wurden. Ab den Momenten der Ablage wurden diese Informationsstücke im Unterbewusstsein wieder und
wieder gesichtet, unterbewusst mit ihnen gespielt, sie zusammengesetzt, zerlegt, anders
zusammengefügt. Dieser Entwicklungs- und Bearbeitungsprozess dauerte eine unbestimmte und meist
unkalkulierbare Zeitspanne an. Manchmal genügten Sekundenbruchteile, Momente und eine Idee war
geboren, manchmal aber nur lange oder gar sehr lange Zeitspannen.
Nach der Idee ging es dann oft sehr schnell und komischerweise schien meistens auch gleich ein
kompletter Plott zu entstehen. Dann war es für Dirk so, als liefe ein Film vor seinen geistigen Augen
ab und er musste sich nur sputen, um mit dem Tippen hinterher zu kommen, damit die bereits komplett
entwickelte Geschichte auch schriftlich festgehalten wurde.
Gut, hier und da kamen später manchmal Details hinzu!
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