|
|
Er legte das Blatt mit den Zeilen zurück auf den Schreibtisch. Das Licht der
Schreibtischlampe reflektierte in der Glasplatte, die das Möbel als Auflagefläche nach oben
hin abschloss.
Durch das große Fenster, welches dem Schreibtisch gegenüber lag, konnte man schon erste
Lichter aus vielen Wohnungen sehen, dann und wann auch Landestrahler von anfliegenden
Flugzeugen, wenn diese in Richtung des Flughafens der Stadt steuerten, um wenige zehn oder
zwanzig Sekunden später, auf der Landebahn des Airports aufzusetzen.
Einen Moment lang verweilten seine Augen noch auf den tiefblauen Buchstaben aus Tinte, die
in einer Schrift verfasst waren, die es heute so nicht mehr gab. Die Buchstaben hatte er vor
über 20 Jahren mit seinem Füllfederhalter auf das Papier gekritzelt. Er hatte sicherlich
damals auch vor, diese fortzuführen, um dann das geplante Gedicht zu vollenden. Doch dazu
war es dann nicht gekommen. In den folgenden gut zwei Dekaden hatte die Welt sich einfach
weiter gedreht und die Zeit war einfach verstrichen – ganz einfach, nur so.
Das Schreibgerät, der Füllfederhalter, den gab es schon lange nicht mehr und, das fiel ihm
nun auf, in der Zwischenzeit hatte sich seine Handschrift vollkommen verändert. Genauer,
seine Handschrift, wenn man es so bezeichnen wollte, waren Druckbuchstaben, die – zugegeben
– sehr schnell und eher flüchtig auf die Schreibunterlagen gekritzelt wurden, wenn er dann
und wann sich einmal dazu genötigt sah, etwas handschriftlich zu verfassen. Seine frühere
Schreibschrift, die hatte er in den Jahren vollkommen verlernt. Meist hämmerte er seine Texte
über diverse Tastaturen direkt in Rechner, auf virtuelle Seiten unterschiedlicher
Schreibprogramme, die wiederum diese realen Texte in virtuelle Ordner auf ziemlich reale
Speichermedien ablegten. Manchmal gingen einige Texte auch ins World Wide Web und er hoffte,
dass vielleicht die eine Leserin oder der andere Leser ein klein wenig Freude dabei empfand,
wenn sie oder er seine Zeilen irgendwann, irgendwo las.
Als kehre sein Blick zurück, zurück aus weiter Ferne, sahen seine Augen dieses weiße Blatt
Papier wieder. Das Papier mit diesen sechs kurzen Zeilen, das Blatt auf dem Schreibtisch,
fixiert von einigen Fingern seiner rechten Hand.
Wann hatte er diese Worte geschrieben? Genau konnte er dies nicht mehr sagen, nur so
ungefähr. Warum hatte er diese Zeilen verfasst? Auch das schien in den vergangenen Jahren
verblasst zu sein. War es ein Abschied? Von wem? Er konnte sich nicht erinnern!
Wahrscheinlich war es deshalb auch nicht mehr relevant! Es waren halt Buchstaben, Worte,
die aufgeschrieben waren, auf einem eigentlich gar nicht mehr so weiß erscheinenden Bogen
Papier.
Sein Gesichtsfeld wurde weiter und ein kleiner Haufen Zettel, einige Bögen, Blätter rückte
in sein Bewusstsein ein. Aus diesem Blätterhügel stammte auch das Sechs-Zeilen-Papier,
herausgeangelt – ganz zufällig. Das Papiersammelsurium hatte er aus seiner
Verschiedenes-Schublade genommen und an den Rand auf seiner gläsernen
Schreibtischplatte deponiert.
War es, um vielleicht etwas Anregung zu bekommen? Wahrscheinlich!
Vielleicht etwas in Erinnerungen zu schwelgen? Noch ein klein wenig wahrscheinlicher!
Den Wust der unterschiedlichen Texte etwas zu ordnen? Hm …, wohl eher nicht!
Eher erschien es ihm, als ginge er auf Schatzsuche. Vielleicht würde ein unentdeckter,
ungehobener Schatz im Kosmos der hingekritzelten, der niedergeschriebenen, der abgelegten
Buchstaben und Worte zu finden sein. Ein Rohdiamant, der nur noch nicht gesucht, nur noch
nicht entdeckt und nur noch nicht gehoben worden war. Der mehr war, als Tinte auf altem
Papier.
...
|
|