|
|
Das Bild musste an eine Gefangenenkolonne erinnern, welche von einem einzelnen Wächter in Reih
und Glied gehalten wurde. Einzig und allein dadurch, dass der Wächter über den staubigen, den
schmutzigen Kreaturen thronte, sie mit der Gewalt seiner geladenen Waffe beherrschte.
Was war denn aber Steffens Waffe?
Wie, womit hob er sich denn von ihnen ab?
Nur, weil er hoch oben auf dem Felsen stand?
Nur, da er über die Ebene schauen konnte und es auch tat, von West nach Ost, von Nord nach Süd?
Hatte er als Einziger, als Individuum, keine Scheuklappen auf?
War er vielleicht das einzige Individuum, alle Anderen konforme Masse?
Ist dies Einsamkeit, umschwämmt, umhüllt vom Trubel der Masse?
Viele Fragen aber auch Fakten, die Steffen nicht übersehen konnte. Er stand auf dem Felsen. Unter
dem kalten Stein marschierte diese menschliche Schar. Steffen konnte weder ihre Herkunft noch ihr
Ziel ausmachen. Sie kamen aus der Ferne und strebten einem unsichtbaren Ziel entgegen, weit
entfernt, weit hinter dem Horizont.
Ein Fakt war auch, dass er sich seine Anwesenheit an diesem Ort nicht erklären konnte, sosehr er
auch darüber grübelte.
Wenn das Grübeln nicht weiterbringt, dann folgen halt Taten, nicht immer auch gleich schlüssig und
durchdacht. Aber eben doch ein Zeichen von Existenz in der Existentlosigkeit, ... ein Anfang!
"Leben erwacht, auch in der dunkelsten Nacht!"
Steffen musste schmunzeln. Warum er ausgerechnet hier und jetzt, unter der gleißenden Sonne, an
diesen Satz aus seiner Vergangenheit dachte, das konnte er nicht sagen. Was dies betraf, da würde
sicherlich eher sein Unterbewusstsein eine Plausibilität erschaffen können, als dies sein
Bewusstsein vermochte. Andererseits, ... vielleicht sprach sein Unterbewusstsein ja gerade zu ihm?
Er wusste es nicht und zum gegenwärtigen Zeitpunkt, schien es ihm auch eher zweitrangig oder gar
drittrangig zu sein. Wichtiger war wohl, wie Steffen denn nun von diesem Felsen herunterkommen
könnte.
Der junge Mann suchte! Er suchte einen Weg, der gehbar war - hinab in die Tiefe.
Da war aber keiner!
Wie eine in den Boden gesetzte Zwiebel, die nun begann Triebe zu bilden und sich im Mutterboden
zu verwurzeln, begann die Verzweiflung in Steffens Geist sich auszubreiten und zu vermehren. Sie
stieg und stieg empor.
"Keine Panik, keine Panik, bleib ruhig Junge. Nur nicht nervös machen lassen!"
Leise gesprochen, gleich einem Gebet artikuliert, wirkten die Worte tatsächlich! Was Steffen
schon an ein Wunder glauben lies.
Er riss sich zusammen und begann seine Lage zu analysieren. Systematische Gedankenstrukturen
erschienen allmählich, verhalfen seinem Geist, die Schlupfwinkel und dunklen Ecken seiner
Erinnerungen zu erforschen.
Diese Methode würde sicherlich zu einem Ergebnis führen. Welche Tendenz dieses haben würde, mochte
Steffen sich lieber nicht vorzustellen. Auch durfte er sich nicht mit negativen Vermutungen
verunsichern. Einfach suchen lassen, ganz einfach!
Er begann nun auch, seine Lage zu begutachten.
Wie war das Plateau beschaffen, auf dem er stand?
Es bestand aus altem, verwittertem, teils brüchigem Stein.
Der Wind folgte Steffens Bewegungen, bei allem, was der Mann tat. Er war, wie ein alter Bekannter,
der ihn durch die Zeit begleitete, ihn vielleicht sogar versuchte zu berat, nur, dass Steffen seine
uralte Sprache nicht verstand.
Nichts, kein Zeichen von Leben umgab den jungen Mann hoch auf dem Plateau. Der Felsen lag kahl,
schwer, dunkel auf der hell gleißenden Ebene. Keine Blume, kein Grün, nirgends. Kein Vogel flog in
den blauen Gestaden, noch anderes Getier schien diesen Ort zu bevölkern - hier oben war nur kalter,
brüchiger Stein.
Die Untersuchung der unmittelbaren Umgebung nahm keine lange Zeitspanne in Anspruch. Das Plateau
erstreckte sich nur drei Schritte vom Platz seines jetzigen Verweilens nach vorne, ebenso hinter
ihm. Jeweils vier oder fünf Schritte rechts und links. Kein Platz, auf dem man lange verweilen
mochte!
Steffen stand hier oben, wie ein Gefangener in Einzelhaft, nur dass diese Zelle keine Gitter besaß,
zumindest keine, die man fassen konnte. ...
|
|