|
|
Der kalte Nordwind schlug augenblicklich in ihr Gesicht. Sie musste die Augen zusammenkneifen, um
überhaupt etwas zu sehen.
Ein alter, in Würde ergrauter Mann schaute sie freundlich an und im ersten Augenblick wusste Caro
nicht, was sie tun, wie sie reagieren sollte.
"Lass mich doch erst einmal herein", hörte sie den Alten sagen und verbreiterte, fast automatisch,
den Spalt der Türöffnung so weit, dass der Mann in die Hütte treten konnte. Ohne zu zögern, trat
dieser in den kleinen Raum und ging, ohne nach rechts oder nach links zu schauen, auf den Kamin
zu, um sich sogleich am Feuer zu erwärmen. Seine großen, ledrigen Hände strecken sich den lustig
hüpfenden Flammen entgegen. Einige Male stampft er mit den Füßen auf den Boden, um auch diesen
wieder etwas Leben einzuflößen. Ohne auch nur ein Wort zu sagen, verblieb der Mann einige Zeit vor
dem Kamin, das Gesicht zum Feuer gewandt.
Carola beobachtet diese Szene, noch immer an der Tür stehend und sagte kein Wort. Dann nahm sie
ihren Mut zusammen und fragte:
"Möchten sie etwas Warmes trinken?"
"Oh, danke, das wäre lieb, Mädchen!"
Über das Mädchen sah Caro hinweg, denn dieser Mann hatte es in so einem warmen, wunderschön
angenehmen Tonfall gesagt - fast wie ihr Opa, als er noch lebte!
Sie vermisste ihren Großvater. Er hatte ihr hier oben immer wunderschöne Geschichten erzählt.
Selbst als sie schon älter war und sich mit ihren Eltern doch öfter in den Haaren lag, da hatte
sie hier ihre Burg und ihr Opa, er war der Ritter, der Ritter mit weißem langem Bart und ihm konnte
Caro alles erzählen, einfach alles. Opa war der Einzige, der nicht forderte. Manchmal riet er ihr
etwas, aber oft saß er einfach im Schaukelstuhl, einen Pott Tee in den großen Händen und hörte
einfach zu.
Sie goss den heißen Tee in eine zweite Tasse und stellte die uralte Kanne von Opa wieder zurück ans
Feuer.
"Bitteschön, aber vorsicht, er ist heiß!"
"Dankeschön, das ist lieb von dir!"
Er schaute die junge Frau aus alten, dankbaren, warmen Augen an. Carola erwiderte seinen Blick,
noch immer etwas irritiert und auch mit etwas Fragendem im Blick.
"Mädchen, setz' dich erst einmal wieder und dann erzähle ich dir von mir!"
In der Zwischenzeit hatte sich der alte Mann auf dem breiten, warmen Kaminsims niedergelassen und
Caro konnte den alten pelzbesetzten, etwas rötlich schimmernden Wintermantel sehen, der noch immer
voll Schnee und Eis im Schein des Feuers glitzerte. Der Alte hatte den Mantel geöffnet und ein
dicker weißer Pullover und ein weißer Schal kamen zum Vorschein.
Als seine Stimme ansetzte, war sie so warm, so angenehm, wie es die Stimmen von Erzählern aus
Fantasie- oder Märchenfilmen für gewöhnlich waren. Seine volle, alte Männerstimme perlte durch den
Raum, verzauberte die Luft in der kleinen Kate. Sie berichtete von alten Zeiten, von Orten, vielen
Orten und sehr vielen unterschiedlichen Menschen und menschlichen Geschichten. Carola erfuhr, dass
sein Name Ruprecht Frost sei und der war auch irgendwie passend, empfand sie. Die junge Frau wäre
sicherlich auch etwas enttäuscht gewesen, lautete dieser etwa Herr Schmidt oder Herr Maier.
Mit der Zeit - einfach so - entstand eine gewisse Vertrautheit bei diesem ungleichen Paar und aus
dem Monolog des Alten wurde ein wunderschöner Dialog. Sie erzählten sich dieses, sprachen über
jenes, sie erzählte über Dirk, was sie ärgerte und was sie an dem jungen Mann anziehend fand - der
Alte hörte allen Ausführungen der jungen Frau aufmerksam zu.
Ihr war es in diesen Momenten, als säße dort wieder ihr Großvater, der ab und an aufmunternd nickte
und langsam an seiner Teetasse nippte.
Irgendwann waren sie verstummt, schauten den Flammen im Kamin bei ihrem wilden Tanz zu und genossen
die Stille in der Welt.
Nach einiger Zeit schaute der alte Mann der jungen Frau tief in deren Augen, als wolle er ihre
Seele erforschen, ihr Innerstes beschauen und mit wundervoller, sanfter, sonorer Stimme sagte er:
"Heute ist Heiligabend, das Fest der Liebe beginnt, denn der Heiland ist wiedergeboren. Ist dies
nicht auch der ideale Zeitpunkt, um zu vergeben, ... auch innerlich zu vergeben. Lass Vergangenes
vergangen sein. Lerne aus den Fehlern, aber trage sie nicht ewig nach. Vergangenes soll kein
Ruhekissen sondern ein Sprungbrett für das Zukünftige sein!"
Der alte Mann stand auf, drehte sich vom Feuer zu Carola. Leise knarrte der Holzboden unter seinen
Schritten und Ruprecht legte seine Hand auf die Schulter der jungen Frau.
"Carola, wach doch bitte auf!"
Dirks Stimme durchdrang die Stille und er lies seine Hand von ihrer Schulter gleiten.
"Du, Caro, ich möchte mich bei dir entschuldigen. Es waren so manche unbedachte und gemeine Worte,
die ich nicht sagen sollte und auch nicht sagen wollte. Es tut mir so leid, ich kann dich nur um
Verzeihung bitten!"
Carola, noch etwas schlaftrunken, schaute in die graugrünen Augen ihres Freundes und schloss ihn dann
fest in ihre Arme.
"Carola, ... was ist?"
Der junge Mann, doch sichtlich überrascht, aufgrund der Heftigkeit ihrer Reaktion, schloss die junge
Frau aber dankbar auch in seine Arme.
"Wenn ich dir diese Geschichte erzähle, so glaubst du mir doch nicht", flüsterte sie in sein Ohr.
"Hast etwa Knecht Ruprecht getroffen", fragte Dirk in einem leicht belustigtem Ton.
"Was hat Väterchen Frost denn so alles erzählt, am heiligen Abend - jetzt muss der alte Knabe doch
ganz schön im Stress sein? So viele Menschen, die beschenkt werden wollen!"
Sie lagen sich noch lange schweigend in den Armen, aber Dirk konnte nicht das Funkeln in den Augen
der jungen Frau sehen, wie sie wissend lächelnd in das nun allmählich kleiner werdende Feuer schaute.
Er spürte aber diese positive Energie, die von ihr ausging, und hörte sie leise sagen: "Ich hab'
dich lieb!"
Leise knisternd lag der Holzscheit im Kaminfeuer und der Nordwind pfiff um die Hütte, hinaus in die
kalte Winternacht.
|
|