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von Dirk Weige

 
     
 
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Der kalte Nordwind schlug augenblicklich in ihr Gesicht. Sie musste die Augen zusammenkneifen, um überhaupt etwas zu sehen.
Ein alter, in Würde ergrauter Mann schaute sie freundlich an und im ersten Augenblick wusste Caro nicht, was sie tun, wie sie reagieren sollte.
"Lass mich doch erst einmal herein", hörte sie den Alten sagen und verbreiterte, fast automatisch, den Spalt der Türöffnung so weit, dass der Mann in die Hütte treten konnte. Ohne zu zögern, trat dieser in den kleinen Raum und ging, ohne nach rechts oder nach links zu schauen, auf den Kamin zu, um sich sogleich am Feuer zu erwärmen. Seine großen, ledrigen Hände strecken sich den lustig hüpfenden Flammen entgegen. Einige Male stampft er mit den Füßen auf den Boden, um auch diesen wieder etwas Leben einzuflößen. Ohne auch nur ein Wort zu sagen, verblieb der Mann einige Zeit vor dem Kamin, das Gesicht zum Feuer gewandt.
Carola beobachtet diese Szene, noch immer an der Tür stehend und sagte kein Wort. Dann nahm sie ihren Mut zusammen und fragte:
"Möchten sie etwas Warmes trinken?"
"Oh, danke, das wäre lieb, Mädchen!"
Über das Mädchen sah Caro hinweg, denn dieser Mann hatte es in so einem warmen, wunderschön angenehmen Tonfall gesagt - fast wie ihr Opa, als er noch lebte!
Sie vermisste ihren Großvater. Er hatte ihr hier oben immer wunderschöne Geschichten erzählt. Selbst als sie schon älter war und sich mit ihren Eltern doch öfter in den Haaren lag, da hatte sie hier ihre Burg und ihr Opa, er war der Ritter, der Ritter mit weißem langem Bart und ihm konnte Caro alles erzählen, einfach alles. Opa war der Einzige, der nicht forderte. Manchmal riet er ihr etwas, aber oft saß er einfach im Schaukelstuhl, einen Pott Tee in den großen Händen und hörte einfach zu.

Sie goss den heißen Tee in eine zweite Tasse und stellte die uralte Kanne von Opa wieder zurück ans Feuer.
"Bitteschön, aber vorsicht, er ist heiß!"
"Dankeschön, das ist lieb von dir!"
Er schaute die junge Frau aus alten, dankbaren, warmen Augen an. Carola erwiderte seinen Blick, noch immer etwas irritiert und auch mit etwas Fragendem im Blick.
"Mädchen, setz' dich erst einmal wieder und dann erzähle ich dir von mir!"
In der Zwischenzeit hatte sich der alte Mann auf dem breiten, warmen Kaminsims niedergelassen und Caro konnte den alten pelzbesetzten, etwas rötlich schimmernden Wintermantel sehen, der noch immer voll Schnee und Eis im Schein des Feuers glitzerte. Der Alte hatte den Mantel geöffnet und ein dicker weißer Pullover und ein weißer Schal kamen zum Vorschein.
Als seine Stimme ansetzte, war sie so warm, so angenehm, wie es die Stimmen von Erzählern aus Fantasie- oder Märchenfilmen für gewöhnlich waren. Seine volle, alte Männerstimme perlte durch den Raum, verzauberte die Luft in der kleinen Kate. Sie berichtete von alten Zeiten, von Orten, vielen Orten und sehr vielen unterschiedlichen Menschen und menschlichen Geschichten. Carola erfuhr, dass sein Name Ruprecht Frost sei und der war auch irgendwie passend, empfand sie. Die junge Frau wäre sicherlich auch etwas enttäuscht gewesen, lautete dieser etwa Herr Schmidt oder Herr Maier.
Mit der Zeit - einfach so - entstand eine gewisse Vertrautheit bei diesem ungleichen Paar und aus dem Monolog des Alten wurde ein wunderschöner Dialog. Sie erzählten sich dieses, sprachen über jenes, sie erzählte über Dirk, was sie ärgerte und was sie an dem jungen Mann anziehend fand - der Alte hörte allen Ausführungen der jungen Frau aufmerksam zu.
Ihr war es in diesen Momenten, als säße dort wieder ihr Großvater, der ab und an aufmunternd nickte und langsam an seiner Teetasse nippte.
Irgendwann waren sie verstummt, schauten den Flammen im Kamin bei ihrem wilden Tanz zu und genossen die Stille in der Welt.
Nach einiger Zeit schaute der alte Mann der jungen Frau tief in deren Augen, als wolle er ihre Seele erforschen, ihr Innerstes beschauen und mit wundervoller, sanfter, sonorer Stimme sagte er:
"Heute ist Heiligabend, das Fest der Liebe beginnt, denn der Heiland ist wiedergeboren. Ist dies nicht auch der ideale Zeitpunkt, um zu vergeben, ... auch innerlich zu vergeben. Lass Vergangenes vergangen sein. Lerne aus den Fehlern, aber trage sie nicht ewig nach. Vergangenes soll kein Ruhekissen sondern ein Sprungbrett für das Zukünftige sein!"
Der alte Mann stand auf, drehte sich vom Feuer zu Carola. Leise knarrte der Holzboden unter seinen Schritten und Ruprecht legte seine Hand auf die Schulter der jungen Frau.

"Carola, wach doch bitte auf!"
Dirks Stimme durchdrang die Stille und er lies seine Hand von ihrer Schulter gleiten.
"Du, Caro, ich möchte mich bei dir entschuldigen. Es waren so manche unbedachte und gemeine Worte, die ich nicht sagen sollte und auch nicht sagen wollte. Es tut mir so leid, ich kann dich nur um Verzeihung bitten!"
Carola, noch etwas schlaftrunken, schaute in die graugrünen Augen ihres Freundes und schloss ihn dann fest in ihre Arme.
"Carola, ... was ist?"
Der junge Mann, doch sichtlich überrascht, aufgrund der Heftigkeit ihrer Reaktion, schloss die junge Frau aber dankbar auch in seine Arme.
"Wenn ich dir diese Geschichte erzähle, so glaubst du mir doch nicht", flüsterte sie in sein Ohr.
"Hast etwa Knecht Ruprecht getroffen", fragte Dirk in einem leicht belustigtem Ton.
"Was hat Väterchen Frost denn so alles erzählt, am heiligen Abend - jetzt muss der alte Knabe doch ganz schön im Stress sein? So viele Menschen, die beschenkt werden wollen!"

Sie lagen sich noch lange schweigend in den Armen, aber Dirk konnte nicht das Funkeln in den Augen der jungen Frau sehen, wie sie wissend lächelnd in das nun allmählich kleiner werdende Feuer schaute. Er spürte aber diese positive Energie, die von ihr ausging, und hörte sie leise sagen: "Ich hab' dich lieb!"

Leise knisternd lag der Holzscheit im Kaminfeuer und der Nordwind pfiff um die Hütte, hinaus in die kalte Winternacht.

 
  Weihnachts-Kurzgeschichte, ca. 2 1/2 Seiten DIN-A4.
Urfassung, geschrieben in Dresden & Obermelsungen/Deutschland.
Ein Geschenk für eine tolle Frau.
Überarbeitung in Berlin/Deutschland.
 
 

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